Zirkus im Nationalsozialismus: Zwischen Anpassung, Verfolgung und Widerstand

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Marburg – Kürzlich fand im Artistenarchiv in Marburg eine eintägige Tagung statt, die sich intensiv mit der komplexen Rolle des Zirkus während der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzte. Im Fokus standen die Aspekte Gleichschaltung, Verfolgung und Widerstand. Anwesend waren viele Interessierte und Vertreter*innen der Zirkusverbände.

Der Marburger Bürgermeister Thomas Spieß eröffnete die Veranstaltung und äußerte seine große Freude darüber, dass diese Thematik in Marburg behandelt und demnächst auch im Rathaus ausgestellt wird. Er hob dabei die besondere Rolle der Kultur für den Zusammenhalt der Gesellschaft hervor. Der Zirkus sei dabei ein wichtiger Teil und die Stadt Marburg unterstütze gerne weiter das Artistenarchiv. Anhand der Geschichte des Zirkus könne besonders Jugendlichen beispielhaft gezeigt werden, wie wichtig die Verteidigung der Demokratie sei.

Florian Fuchs, Sprecher der Kulturhistorischen Gesellschaft für Zirkus und Varieté Kunst, betonte in seiner Einführung die besondere Kraft des Zirkus für die Verteidigung der Demokratie und beleuchtete die zentrale Frage: Was geschah mit dem Zirkus in Deutschland zwischen 1933 und 1945? Er skizzierte das Spannungsfeld zwischen Widerstand und Anpassung: Einerseits gab es Loyalität, strukturelle Förderung und staatliche Anerkennung als Kunstform, andererseits die rigorose Ausgrenzung von Artisten*innen mit Arbeitsverbot. Die zentrale Frage zu erörtern sei: „War der Zirkus ein Schutzraum oder stabilisierte er sogar das System durch Ablenkung?“

Einblicke in Forschung und Praxis

Den Auftakt des inhaltlichen Programms bildete der Vortrag von Malte Gasche (Helsinki) und Martin Holler (Berlin) zum „Making of einer Ausstellung zur Zirkusgeschichte“. Die Referenten stellten ihre methodische Vorgehensweise und die Herausforderungen bei der populärwissenschaftlichen Vermittlung ihrer umfangreichen wissenschaftlichen Ergebnisse dar. Dabei wurde die Schwierigkeit betont, verlässliche Quellen zu finden, weshalb ein biographischer Forschungsansatz gewählt wurde. Die Referenten erläuterten die Schwerpunkte ihrer Ausstellung auch anhand der Ausstellungstafeln im Veranstaltungsraum.

Anschließend referierte Dietmar Winkler (Berlin) über das Thema. Winkler, der mit seiner Frau Gisela ein großes privates Zirkusarchiv aufgebaut hat und Kaufmännischer Direktor des Staatszirkus der DDR war, kritisierte Darstellungen, der Zirkus sei grundsätzlich zerstört worden. Er beleuchtete konkret:

– Die frühe Organisation der Artisten*innen in einem international ausgerichteten Bund

– Die konsequente Gleichschaltung durch die SA und das schnelle Arbeitsverbot für jüdische und politisch linke aktive Artisten*innen

– Die Rolle der Reichskulturkammer unter Goebbels, die den Zirkus offiziell aufwertete, aber die Mitgliedschaft und damit die Berufsausübung an Kriterien wie politische Zuverlässigkeit und Herkunft knüpfte

– Die Strategien der Zirkusdirektoren, die durch den Beitritt zur NSDAP die Überlebensfähigkeit ihrer Zirkusse sicherten

Winkler hob hervor, dass der Ausschluss jüdischer Artisten*innen bereits 1934 begann und schätzungsweise etwa 3000 Juden und Jüdinnen aus Zirkuskompanien ausgeschlossen wurden, während die Verbliebenen staatliche Anerkennung und Arbeitsmöglichkeiten z.B. durch „Kraft durch Freude“ erhielten. Die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ (KdF) war eine Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) gegründet. Das Programm bot ein sehr umfangreiches Spektrum an Aktivitäten, darunter Reisen wie Tagesausflüge, mehrtägige Erholungsfahrten oder auch Seereisen. Außerdem umfasste das Angebot kulturelle Veranstaltungen wie Theateraufführungen und Konzerte, sportliche Aktivitäten sowie Bildungsangebote. Auch viele Zirkusunternehmen spielten im Rahmen dieser Propaganda- und Freizeitveranstaltungen und passten sich dem System an. Auch die Verflechtungen großer Häuser wie Zirkus Krone, Zirkus Busch und Zirkus Hagenbeck mit der NS-Elite wurden thematisiert.

Weitere Programmpunkte beleuchteten spezifische Überlebensstrategien:

Friedrich Hoffmann (Braunschweig) präsentierte die Biografie des Zirkusdirektors Emil Wacker, der durch Kooperation mit anderen Zirkussen (wie Sarrasani und Busch) das Überleben seines Zirkus sicherte. Wacker war Mitglied der NSDAP und arbeitete mit den Nazis zusammen, was er nach 1945 mit dem Schutz seiner Artisten*innen begründete. In der anschließenden Diskussion wurde kritisiert, dass diese Winkelzüge unkritisch dargestellt worden seien, ohne die sich daraus ergebene Stabilisierung des Systems ausreichend zu reflektieren.

Sabine Hanke (Tübingen) widmete ihren Vortrag dem Zirkus Sarrasani während der NS-Zeit.

Sie berichtete: Der Zirkus Sarrasani erlebte unter der NS-Herrschaft eine gespaltene Führung: Der Senior, Hans Stosch-Sarrasani verließ 1934 das Land in Richtung Argentinien. Sein Sohn, Hans Stosch-Sarrasani (Junior), war hingegen NSDAP-Mitglied und unterstützte die Nationalsozialisten. Nach dem Tod seines Vaters 1935 übernahm er die Leitung und kehrte nach Dresden zurück. Seine Frau Trude übernahm nach seinem Tod 1941 die Führung und leitete den Zirkus durch die Kriegsjahre, bis der Dresdner Zirkusbau 1945 zerstört wurde. Der Zirkus spielte bis 1945 regelmäßig Programme für Soldaten auch noch in der Zeit als die Theater nicht mehr spielen durften.

Abschließend diskutierten die Teilnehmenden in einer Podiumsrunde die komplexen Zusammenhänge, das Schicksal der Verfolgten (oft Flucht nach Frankreich, dann Internierung und Holocaust) und die Lehren, die für die heutige Gesellschaft aus der Zeit von 1933 bis 1945 angesichts des zunehmenden Rechtradikalismus gezogen werden müssen.

Die Tagung machte deutlich, wie schwierig die Forschung in diesem Bereich ist, aber auch, wie notwendig die Aufarbeitung der Geschichte von Anpassung, Solidarität und Repression im Zirkusmilieu bleibt.