BKJ-NEWSLETTER APRIL 2017, BEITRAG FÜR DIE RUBRIK „DIVERSITÄT UND INKLUSION“

Interview mit dem Vorstandsmitglied Wolfgang Pruisken der BAG Zirkuspädagogik e.V.

„Ein Modell für die Veränderung der Schule“

Drei Fragen an Wolfgang Pruisken, Mitglied des Vorstands der BAG Zirkuspädagogik e.V.

In der Zirkuskunst verschmelzen Elemente aus Theater, Tanz, Artistik, Musik, Rhythmik etc. Ist die Zirkuspädagogik schon deshalb eine besonders „inklusive“ kulturpädagogische Disziplin?

Ein Zirkusprojekt bietet einen bestätigenden Rahmen für Kinder und Jugendliche. Mit seiner Vielfalt an Bewegungsangeboten knüpft es an das normale kindliche Verhalten an. Kleine Kinder empfinden jede neu gelernte Bewegung als Kunststück. Sie werden zu Darsteller*innen und beziehen aus dem Lob des Publikums und der Mitstreitenden Motivation zum Weiterüben. Besonders in altersgemischten Gruppen finden sie gute Unterstützung. Kinder und Jugendliche machen die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und lernen, sich selbst etwas zu trauen. Jedes Kunststück hat eine*n Betrachter*in. Im Spiel des Zirkus finde ich heraus, was mir gelingt und bekomme dafür eine bestätigende Rückmeldung. Sie können sich in jemanden verwandeln, der etwas Eindrucksvolles kann, dieses Können motiviert verfolgen und ausbauen und sich an den Ansprüchen der sachlichen Aufgabe weiter entwickeln. Hier geschieht keine Erziehung für die Kunst, sondern eine Erziehung an der Kunst. Zirkus kann also tatsächlich ein Modell für gelingende inklusive Arbeit sein.

Zirkuspädagogische Ansätze und Methoden gelten als besonders niedrigschwellig und sind daher in Schule und schulischem Ganztag sehr beliebt. Worin liegen ihre besonderen Potenziale für die Schule?

In der Schule haben intentionale, also absichtsvolle und geplante Unterrichtsprozesse ihren Ort. Die Zirkuspädagogik dagegen vertraut auf den Bildungswert der Kunst und das Prinzip der Selbsterziehung. Ein Zirkusprojekt kann besonders Kindern und Jugendlichen, die in der Schule regelmäßig scheitern, wieder Mut machen. Hier kann jede*r seine individuellen Stärken zeigen und Schwächen stehen nicht im Vordergrund. Es bietet sozusagen ein anregungsoffenes System, in dem zum Beispiel in der Rolle des Clowns ein scheinbar destruktives Verhalten zu einem konstruktiven Beitrag wird. Zirkuspädagogik kann sogar zu einem Modell für die Veränderung der Schule werden. Eine inklusiv arbeitende Pädagogik erfordert nämlich die Veränderung der Lehrerrolle und des Lernkontextes. Schule kann von der Zirkuspädagogik – wie wir sie verstehen – lernen wie man ein System so anlegen kann, dass eine Wahrscheinlichkeit besteht, dass etwas Nutzbares erzielt wird, obwohl man es nicht oraussehen kann. Neueste kanadische Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass Kinder durch die Teilnahme an einem langfristigen Zirkusangebot, das an der Stelle des traditionellen Sportangebotes stand, ihre otorischen Fähigkeiten in allen Bereichen, auch in denen, die nicht geübt wurden, erheblich verbessert haben.

Kann man sagen: Alles ist gut – Zirkus geht stets wertschätzend und kreativ mit Diversität um, bedeutet gelebte Partizipation und Inklusion? Oder gibt es auch in der Zirkuspädagogik noch Entwicklungsbedarf?

Schön wäre es. Die Zirkuspädagogik ist noch eine recht junge Pflanze. Ihre Wurzeln liegen in Europa in der sozialen Bewegung. Es waren Pädagog*innen, nicht Artist*innen, die das Feld entdeckt haben und Kindern und sich selbst im Zirkus Räume zum Selbstentdecken bieten wollten. Viele der beteiligten Kinder und Jugendlichen haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und arbeiten jetzt als professionelle Artist*innen oder Pädagog*innen. Die BAG Zirkuspädagogik ist vor etwa zehn Jahren auch als Reflex auf diese Entwicklung entstanden. Wir stehen in unserer vorhin genannten pädagogischen Tradition und entwickeln entsprechende Ausbildungs- und Weiterbildungsinhalte für Pädagog*innen. Unsere Theoriebildung folgt der erfolgreichen Praxis. Wir machen jetzt nicht den Fehler, auf möglichst effektive Ausbildung von Artisten*innen abzuzielen. Unsere Aufgabe ist darauf zu achten, dass unser partizipativer Ansatz in allen Bereichen, in denen wir arbeiten, erhalten bleibt.

Weitere Informationen
Bag-zirkus.de = Bundesarbeitsgemeinschaft Zirkuspädagogik
Peyc.eu = Professionalizing european youth circus, Ergebnisses erfolgreicher Praxis im europäischen Vergleich