Entstehung der Zirkuspädagogik

Artistik gibt es seit Jahrtausenden. Der Zirkus allerdings ist mit der Entstehung vor 200 Jahren eine relativ junge Darbietungsform. Als Medium in der sozialen Arbeit wurde er in Italien und den USA entdeckt. Es waren jeweils Patres, die zuerst mit vernachlässigten Kindern Zirkus machten. Ende des 19. Jahrhunderts gründete der Pater Don Bosco in Turin und in den 1920er Jahren Pater Flanagan in Nebraska (Boys-Town) die ersten Kinder – und Jugendzirkusprojekte.

Nach diesen Vorbildern entstand in den 1950ern das Kinderheim Bemposta für Straßenkinder in Spanien (Galizien). Jesuitenpater de Silva gründete dort den Kinderzirkus Los Muchachos. Auch der Zirkus Elleboog aus Amsterdam nutzte die Anziehungskraft des Zirkus, um in der Nachkriegszeit Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen.

Die vorgestellten Projekte entwickelten die Idee des Kinderzirkus aus einem sozialpolitischen Ansatz heraus. Zu einer weltweiten Bewegung wurde der Kinder- und Jugendzirkus dann ab den 1980er Jahren, als die pädagogischen und sozialen Möglichkeiten des Zirkus als künstlerisches Medium mehr und mehr erkannt wurden.

In den 1990er Jahren begannen sich vermehrt anerkannte Handlungsfelder und institutionalisierte Zirkusstrukturen im pädagogischen Bereich zu bilden. So hat sich mittlerweile die Zirkuspädagogik in der Kunst- und Kultursparte auch in Deutschland als gleichberechtigter Teil der kulturellen Bildung etabliert.

Weltweit haben die Besonderheiten der Zirkuskunst, ihre Vielfältigkeit und die weit gefächerten Möglichkeiten, sich selbst auszuprobieren und neu kennen zu lernen, den Kinder- und Jugendzirkus zu einem we­sentlichen Bestandteil der Jugendkultur gemacht.

Zur Geschichte der Zirkuspädagogik – eine Richtigstellung

Peter Bethäuser (Zirkus Luna) berichtet hier über seine persönlichen Erfahrungen aus derZeit, die er selbst bei Benposta verbracht hatEr korrigiert dabei einige Darstellungen, die in vielen Texten über die Geschichte der Zirkuspädagogik zu finden sind. Wir haben seinen Bericht zum Anlass genommen, unseren Text zur Geschichte der Zirkuspädagogik zu korrigieren.

Hier Peters Bericht:

„1964 wurde die Escuela International de Circo in Benposta Orense gegründet, die später für einige Jahre in eine eigene Stadt mit einem Freizeitpark nach Madrid verlegt wurde. In den Jahren zwischen 1966 bis 1976 hatte der Circus Welttourneen zunächst durch Europa, dann auch durch Asien, Australien, Orient/Nordafrika, Nord- und Südamerika gemacht. Dabei war der Circus mit 35 Tonnen Material und 100 bis 120 Artisten unterwegs. Unglaubliche 200 Millionen Zuschauer sollen den Circus in diesen Jahren gesehen haben. Damit gibt es sicherlich keinen größeren Impulsgeber für die Idee des Kinder- und Jugendcircus.

Tatsächlich war Padre Silva verwandtschaftlich mit der spanischen Circusszene verbunden. Die Botschaft des Circus war eine politisch-religiöse ganz im Sinne der südamerikanischen Befreiungstheologie. Das ist auch in den Programmtiteln dieser Zeit zu erkennen: „Revolutions Circus Time“ oder „Historia Del Circo“. Die wichtigste Botschaft war der Traum von einer Gesellschaft, in der die Starken die Schwachen tragen und die Kinder Könige sind. Das finale Bild hierzu war eine vierstöckige Menschenpyramide auf deren Spitze ein Kind ein Gewehr zerbricht aus dem dann eine Friedentaube aufsteigt. Dazu wurde ein entsprechendes Lied gesungen.

Boystown Nebraska wurde schon 1917 gegründet und könnte durchaus ein „Heim“ für milieugeschädigte Jungen“ gewesen sein. Der politische Gedanke von Flanagan war aber ein sehr nationaler. Flanagan war sehr stolz auf seine zahlreichen Kriegshelden die für Amerika gestorben sind, während Silva Pazifist war und mir gegenüber die Worte verwendet hat: „Ich hatte einen Traum, dass Kinder aus aller Welt in Lebensfreude und Brüderlichkeit zusammen leben… Zur Gründung der Ciudad de los Muchachos kam es erst 1956. Um 1958 wurde das ehemalige Weingut Benposta erworben und aus der Stadt wurde eine Demokratische Republik. 1976 lebten alleine in Benposta Orense über 800 Muchachos, mit Außenstellen in der näheren Umgebung waren es sogar mehr als 2.000. Der Circus war in diesen Jahren die Haupteinnahmequelle der Kinderrepublik. 

Heute ist Benposta Orense verlassen. In Deutschland z.B. im Circus Krone gab es in den vergangenen Jahren noch eine Truppe ehemaliger Muchachos mit Menschenpyramiden auf dem Drahtseil und Doppeltem Riesenrad. Diese Artisten leben und trainieren dort auch in Zeiten, in denen sie kein Engagement haben. In Kolumbien und Venezuela bestehen die Städte noch. Immer ist Musik, Tanz, Theater dort auch ein wichtiges Medium. In Venezuela wird auch noch in viel kleinerem Umfang Circus gemacht.

Auf den Dialektbegriff Bemposta einzugehen halte ich für falsch. Das hängt mit der regionalen Lagebezeichnung in Galizien zusammen. Benposta als internationale und multikulturelle Idee hat sich immer Benposta genannt. Am Anfang gab es nur Muchachos wegen rechtlicher Probleme in der Francodiktatur. Ab den1970er Jahren gab es auch immer mehr Muchachas. In den Jahren 1988/89, in denen ich Benposta Orense kennen gelernt habe, haben dort Kinder und Jugendliche vor allem aus Europa, Guinea und Südamerika gelebt. Aber auch Japan war damals sehr interessiert an Benposta. Benposta hatte damals seinen Zenit bereits überschritten. Der Circus/die Circusschule war aber noch wirklich groß und hatte mit Hochseil, Flugtrapez und 24 Meter Manege die Dimensionen eines Großcircus.